keyvisual

Kunsttherapie

Dissertation im Fachbereich Medizin

Der kompetente Patient; eine Patientenbefragung zur Kunsttherapie.

Veröffentlicht im Peter Lang Verlag 2006, ISBN: 3-631-54848-6.

Die vorliegende Forschungsarbeit basiert auf einem Stipendium der Filderklinik und wurde von Prof. Dr. David Aldridge an der Universität Witten-Herdecke als Dissertation angenommen und 2003 mit summa cum laude abgeschlossen (Born 2002).

Kurzzusammenfassung

Die Studie ist eine Patientenbefragung zur Kunsttherapie und umfasst die Meinungen und Ansichten von 38 Personen zur Kunsttherapie (Fachrichtung Bildende Künste). In dem Gespräch vor und nach der Therapie werden fünf Kernbereiche der Kunsttherapie abgefragt. Die Daten werden mit qualitativen Forschungsmethoden ausgewertet und modifiziert. Die Ergebnisse weisen sowohl positive als auch negative Therapieverläufe auf. Sie lassen ein enges Beziehungsdreieck zwischen Therapeut- Patient und dem gestalteten Objekt erkennen. Auf der Basis des Modells und Kriterien der Therapiezufriedenheit werden die neuen Begriffe der Werkbindung (WB), der fördernden therapeutischen Beziehung (ftB) und der Werk-Wertschöpfung (WWS) vorgestellt. Sie zeigen für dieses Modell Gründe für positive und negative Therapieverläufe auf und führen zu einer Neubewertung der Rolle der Kommunikation und des Therapeuten innerhalb der therapeutischen Beziehung.

Problemstellung

Ausgangspunkt für die Studie war die Frage, wie anthroposophische Kunsttherapie vom "Endverbraucher Patient" selbst wahrgenommen und erlebt wird, denn ein Großteil der Patienten hat keine Vorkenntnisse. Bei der Suche nach relevanter Literatur stellte sich heraus, das Patientenbefragungen zur Kunsttherapie nicht existieren und die vorhandene Fachliteratur primär die Sicht des behandelnden Arztes oder Therapeuten darstellt. Grawe wies bereits 1995 in seinem Gutachten darauf hin, dass Belegarbeit für positive Resultate der Kunsttherapie dringend vonnöten sei (Grawe, 1995, 164). Als ein Resultat seiner Aufforderung entbrannte eine intensive Diskussion über angemessene Forschungsmethoden in der Kunsttherapie, die bis heute in unverminderter Vehemenz anhält. Das Thema Forschung ist aktueller denn je, denn der Mangel an selbstständiger Grundlagenforschung und die damit verbundene Konsolidierung macht sich jetzt durch zunehmenden Druck von außen bemerkbar. Eine Ausnahme bildet die Musiktherapie, die von ihren Anwendern bereits seit längerem wissenschaftlich untersucht wird (Aldridge 2000, 2002; Danner 2001). Durch die Reform des Gesundheitswesens (DRGs) werden vor allem von Therapieformen wie der Kunsttherapie zunehmend Nachweise für positive Effekte gefordert, trotzdem gibt es in Deutschland bislang keine aktuelleren empirischen Erhebungen über die Wirkung von Kunsttherapie (Petersen 2002). Die Wirkungen der anthroposophischen Kunsttherapie, welche die Grundlage der Arbeit bildet, werden als komplexes System auf allen Ebenen des menschlichen Daseins angenommen (Treichler, 1996; Glöckler 1999). Daher stehen Forschungsarbeiten zunächst vor der Frage, ob es eine Primärwirkung der Kunsttherapie gibt, worin sie besteht und wie sie sich am besten dokumentieren lässt. Ansatzpunkte zur Erforschung des kunsttherapeutischen Prozesses und seiner Wirksamkeit bieten die entstandenen Objekte, therapeutische Resultate (wobei Kunsttherapie in der Regel in einem Therapiekomplex verordnet wird, was die Auswertung erschwert), Fremdbeobachtungen der Therapie oder die Aussagen der Beteiligten (Ingeln 2002). In der Medizin gibt es das Konzept des "kompetenten Patienten" (Nagel 1998, 2001). Die Idee ist, dass der Patient nicht nur informiert werden möchte, sondern aktiv an Entscheidungsfindungen für z.B. Therapiemaßnahmen teilnimmt. Der Patient sieht sich als gleichberechtigter Partner und Experte seiner selbst. Diese Studie betrachtet die Aussagen der Patienten und enthält keine Informationen über die Ansichten der behandelnden Therapeuten oder Ärzte. Aufgrund persönlicher Praxiserfahrungen und der Überzeugung, dass Kunsttherapie für Patienten hilfreich und heilend sein kann, sind Vertrauen und Sicherheit in das Medium und Respekt vor "kompetenten Patienten" entstanden, dessen Meinung im Mittelpunkt der Arbeit steht. Vor diesem Hintergrund entstand die forschungsleitende Fragestellung: "Wie wird die anthroposophische Kunsttherapie von Patienten an einer Klinik wahrgenommen und verarbeitet?"

Aufbau

Die Studie besteht aus fünf Kapiteln. Kapitel 1 der Arbeit befasst sich mit der gegenwärtigen Situation der Kunsttherapie in Deutschland. Dabei werden rechtliche und wirtschaftliche Aspekte sowie der Stand der Forschung betrachtet. Es stellt unterschiedliche Ansätze in der Kunsttherapie vor, insbesondere den anthroposophischen Ansatz und erklärt die Bedeutung des Begriffs des "kompetenten Patienten", sowie den für die Arbeit relevanten Begriff der Wahrnehmung. Kapitel 2 stellt den Aufbau der Studie und die Auswertungstechnik vor. Nach einer kurzen Betrachtung qualitativer Forschung folgt die Erläuterung der daraus gewählten Interviewtechnik. Im Anschluss daran wird die Entwicklung des Interviewleitfragebogens sowie der angewandten Auswertungsmethodik nach Legewie/ Mayring vorgestellt. Kapitel 3 präsentiert die sowohl fragenbezogene als auch die kategorienbezogene Ergebnisdarstellung. Es werden allgemeine Antworttendenzen aufgezeigt und mit Einzelzitaten der Patienten belegt. Eine erneute Betrachtung der Ergebnisse im Zusammenhang mit den Kategorienschwerpunkten und der Therapiezufriedenheit führt zu der Bildung drei neuer Begrifflichkeiten, die in Kapitel 4 erläutert und in einem graphischen Modell verdeutlicht werden. Das 5. Kapitel fasst die Ergebnisse der Studie zusammen und gibt einen kritischen Forschungsausblick.

Methodik

Die gewählte Erfassungsmethodik aus dem Bereich der qualitativen Forschungsmethoden ist das problemzentrierte Interview. Die Teilnahme an der Studie war freiwillig und alle beteiligten Patienten über die weitere Verwendung ihrer Angaben informiert; ausgenommen von der Befragung waren Kinder und Jugendliche. In Anlehnung an standardisierte Fragebögen (Lebensqualität, Kreativität, Expertenmeinungen) wird ein Interviewleitfragebogen entwickelt, so dass für alle Teilnehmer gleiche Rahmenbedingungen herrschen. Er fragt in einem Erst- und Abschlussinterview vor und nach der Therapie in fünf Kategorien Kernpunkte des künstlerischen Erlebens (körperliche Wahrnehmungen, seelische Eigenwahrnehmung, künstlerische Präsenz, Therapieverständnis, individuelle Motivation) ab. In einer Kompletterfassung über 4 Monate werden 38 erwachsene Patienten (29 Frauen, 9 Männer) eines Akutkrankenhauses interviewt, denen Kunsttherapie verordnet wird. Der Kreis der befragten Personen setzt sich primär aus den Abteilungen Innere Medizin, Psychosomatik und Frauenheilkunde zusammen. Das Durchschnittsalter belief sich auf 45,8 Jahre. Die Befragung wird auf Tonband dokumentiert, insgesamt entstehen 38 verwertbare Interviewsätze. Um das vorhandene Datenmaterial zu strukturieren, wird zwischen drei Ansätzen der Ergebnisdarstellung unterschieden. Die Zusammenfassung aller Antworten bezüglich einer Frage und einer Kategorie. Dadurch bilden sich übergreifende Antworttendenzen heraus. Durch die Zusammenfassung aller Antworten auf eine Frage bekommt der Betrachter einen Überblick, wie die Frage im Allgemeinen aufgefasst und beantwortet wurde. Die themenbezogene Darstellung basiert auf der Zusammenfassung aller Antworten und zieht aus der Gesamtdatenmenge alle, auf einen Themenkomplex bezogenen Angaben heraus. Die individuelle patientenbezogene Falldarstellung. Einzelfallbetrachtungen sind detaillierter und geben mehr Aufschluss über das diffizile Beziehungsgefüge in einer Therapie. Weiterhin können Zusammenhänge zwischen dem Krankheitsbild und den entsprechenden therapeutischen Anwendungen besser herausgearbeitet werden (Aldridge 1994). Die Forscherin hat sich aufgrund der forschungsleitenden Fragestellung für die Zusammenfassung aller Antworten und die themenbezogene Darstellungsweise entschieden. Die Entscheidung gegen eine Einzellfalldarstellung beruht auch auf fehlenden Daten (z.B. Berichte der behandelnden Ärzte, des zuständigen Therapeuten, Bildmaterial). Zudem existieren bereits zahlreiche, gut recherchierte und dokumentierte Einzelfalldarstellungen. Die transkribierten Gespräche werden in einer Kombination der Ansätze von Heiner Legewie (Globalauswertung, Legewie 1994) und Phillip Mayring (qualitative Inhaltsanalyse/Textverarbeitung, Mayring 2000) ausgewertet.

Ergebnisse

Die Erstinterviewaussagen zeigen, dass beim Einstieg in die Kunsttherapie eine hohe emotionale Hemmschwelle aus Versagensängsten und Unsicherheit, sowie meist negativen (schulischen) Vorerfahrungen besteht. Dennoch weisen die Ergebnisse in Kapitel 3 auf eine überraschend intensive und emotionale Bindung der Patienten zu ihrem geschaffenen Werk hin. Gleichzeitig zeigt sich, dass auch der Therapeut durch Material- und Themenwahl starken Einfluss auf das Patientenwerk nimmt. Es zeichnet sich anhand der komprimierten Patientenaussagen ein enges Beziehungsdreieck zwischen Therapeut-Patient und Werk ab. Körperliche (I. Kategorie) und seelische Wahrnehmung (II. Kategorie) weisen als Schwerpunkt Aktivität oder Passivität auf. Im Bereich der künstlerischen Präsenz (III. Kategorie) kristallisiert sich als übergeordnetes Thema die prozessuale Beziehung des Patienten zu seiner Tätigkeit/dem Werk heraus. Das Therapieverständnis (VI. Kategorie) der Interviewpartner war primär geprägt von Äußerungen zum Verhältnis Therapeut-Patient. Die verschiedenen Bezugssysteme der Therapie konzentrierten sich bei der individuellen Motivation (V. Kategorie) schließlich nur noch auf die Veränderung des Selbst. Es finden nicht alle Gesprächspartner einen Zugang zur Kunsttherapie, einige Patienten setzen ihre Wirkung mit der eines Hobby-Malkurses gleich oder verstehen den Sinn ihrer Tätigkeit nicht. Markantestes Unterscheidungskriterium bei den Schilderungen war das beim Patienten entstandene Gefühl, er habe Nutzen für sich aus der Therapie ziehen können. Dann war die Therapie positiv verlaufen. Ein weiteres Merkmal war ein "neutraler Verlauf", d.h. aus Sicht des Patienten passiert fast nichts. Im schlimmsten Fall verlief die Kunsttherapie negativ und hinterließ beim Patienten ein ungutes Gefühl. Was aber waren die Faktoren, die das Ergebnis beeinflussten? Nach den vorliegenden Daten spielen weder Alter noch Krankheitsbild eine wesentliche Rolle. Am ehesten thematisiert wurde der Zeitfaktor in Form der erhaltenen Therapiestunden. Woran konnte es also aus Patientensicht liegen, dass die eine Therapie als erfüllend und positiv empfunden wird und die andere nur als "nett"? Bei einer Modifizierung der Forschungslinie werden die vorhandenen Datenmengen zu einem "fiktiven Kurzinterview" komprimiert. Die Untersuchung des Beziehungsdreieckes Therapeut- Patient- Objekt anhand der konzentrierten Angaben unter Berücksichtigung der Therapiezufriedenheit führt zu folgenden, neuen Begriffen, die mit dem zugehörigen Modell den Schwerpunkt der Forschungsarbeit darstellen: Die "Werkbindung" (WB) bezeichnet das Vorhandensein einer emotionalen Beziehung des Patienten zu seinem Werk. Die "fördernde therapeutische Beziehung" (ftB) beschreibt eine nondirektive, gemeinschaftliche Entscheidungs- und Handlungsbasis zwischen Therapeut und Patient. Ein wichtiger Aspekt dabei ist die gemeinsame verbale Kommunikationsebene, die drei unterschiedliche Qualitäten aufweisen kann. Die "Werk-Wertschöpfung" (WWS) bezeichnet den individuellen Zugewinn des Patienten durch seine künstlerische Tätigkeit in Zusammenarbeit mit dem Therapeuten, den er durch und an seinem Werk erlebt.

WWS-Modell

Die drei Begrifflichkeiten und ihr Zusammenspiel werden in einem, anhand der erhobenen Daten entwickelten "WWS-Modell" verdeutlicht und erklärt. Das Modell beinhaltet zwei Phasen und fünf Ebenen. Es zeigt Gründe für positive oder negative Therapieverläufe auf, die in der Studie ausführlich dargelegt werden. Negative Therapieverläufe enden nach Phase 1 und werden laut Patientenaussagen in der Regel als "Malkurs" oder wegen unbefriedigender Aufgabenstellungen sogar als deprimierend erlebt. Ein positiver Abschluss von Phase 1 ist aber Vorrausetzung für Phase 2, die den Einstieg in die therapeutische Dimension der künstlerischen Tätigkeit darstellt. Der größte individuell-therapeutische Zugewinn durch Kunsttherapie vollzieht sich am Ende der 2. Phase. Die Patienten beschreiben dann u.a. eine eigenständig am Werk wahrgenommene, erkannte und durchgeführte Handlung, z.B. eine Wandlung an ihrem Werk. Fazit und Ausblick Die Arbeit hat die Patientenangaben zur Wirkung und Verarbeitung der Kunsttherapie ausgewertet und anhand der Ergebnisse drei neue Begrifflichkeiten und ein Modell entwickelt. Alle drei Begriffe stellen aus Patientensicht spezifische Kriterien der Kunsttherapie dar. Es ist davon auszugehen, dass die entwickelten Begriffe allgemeine Aspekte des Kunsttherapeutischen Prozesses darstellen, obwohl sie aus einem anthroposophischen Ansatz resultieren.

Zusammengefasst kann festgehalten werden, dass das WWS-Modell positive und negative Therapieverläufe aufzeigt und verständlich macht. Es bewertet das Patientenwerk neu und ermöglicht dem Therapeuten eine bessere Evaluation des aktuellen Standortes während der Therapie sowie eine optimalere Förderung der individuellen Patientenanliegen. Kunsttherapie, so die Patientenangaben, bestätigt, stützt und fördert den kompetenten Patienten. Sie stellt eine Therapieform dar, die ihm entspricht und Zukünftiges anspricht, wenn sie in Zusammenarbeit entsteht. Bezugnehmend auf die Fragestellung der Arbeit lässt sich zusammenfassend sagen, dass Kunsttherapie von den Patienten als gesundheitsförderlich und unterstützend wahrgenommen und erlebt wird. Sie berührt alle von der WHO und Antonovsky als gesundheitsförderlich angesehenen Komponenten: Sie sensibilisiert die Umfeld- und Eigenwahrnehmung, fördert Selbstverantwortung und bedingt Urteils- und Handlungskompetenz. Schlusswort: Die neue, selbstbewusste Patientenidentität bedingt für die Autorin eine kritische Reflexion des derzeitigen therapeutischen Selbstverständnisses und eine Abklärung des Patientenbildes in der anthroposophischen Kunsttherapie. Die Anthroposophie erwartet vom mündigen Patienten aktive Selbstverantwortung im Heilungsprozess. Diese Selbstverantwortung muss sie ihm aber auch ermöglichen. Die Pilotstudie möchte dazu beitragen, dass der Patient von Beginn an als gleichwertiger Teilnehmer des therapeutischen Prozesses gesehen wird und entsprechend sich "selbst-verstehender" und kompetenter entlassen wird. Kunsttherapie kann unabhängig vom ideologischen Hintergrund und den differenten Einsatzfeldern viel bewirken. Durch die Bereitschaft der Patienten, alle gestellten Fragen zu beantworten, sind überraschende und bislang unbemerkte Aspekte angesprochen worden; Gesichtspunkte, die wahrscheinlich weder der Arzt noch der Therapeut so wahrgenommen und betrachtet hätte. Schon allein diese Erkenntnis sollte als Ansporn genommen werden, auch in Zukunft besser hinzusehen, zuzuhören und nachzufragen.

Als Download: