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Heimat Filderklinik

Der Internist Manfred Weckenmann hatte vor 50 Jahren großen Anteil an der Filderklinik-Gründung.
In der Sendung des SWR2 Tandem vom 23. Oktober 2015 sprach der Arzt Manfred Weckenmann über sein Lebenswerk und die anthroposophische Medizin.

Hören Sie hier in die Sendung rein: www.swr.de

Downloaden Sie das Manuskript zur Sendung oder lesen Sie hier den Text (mit freundlicher Genehmigung des SWR bzw. der Autorin Christiane Schütze):

Erzählerin: Die Filderklinik steht in Filderstadt auf einer Anhöhe im Ortsteil Bonlanden. Sie ist eine regionale Allgemein-und Akutklinik mit 219 Betten. Im Wechsel mit Kollegen eines benachbarten Krankenhauses fahren ihre Notärzte den Rettungswagen. Dazu trainieren sie in lebensechten Simulationen regelmäßig mit Feuerwehrfachkräften im nahen Stuttgarter Flughafen für Katastrophen in der Luftfahrt. Doch nicht deshalb unterscheidet sich diese Klinik von anderen Hospitälern. Schon ihre Architektur mit der rosa Fassade ist ungewöhnlich. Im Innern des großzügigen Foyers mit einer Dachkonstruktion aus Holz und Glas erinnert eine Gedenktafel an die Stifter der Klinik: Die verstorbenen Unternehmer Hermann und Ernst Mahle. Ihr Anliegen, die anthroposophische Medizin zu praktizieren und zu fördern, ist in Metall gegossen. Das heißt: In allen Abteilungen gehören zur herkömmlichen Medizin natürliche Arzneimittel, pflegerische Anwendungen wie Wickel und Einreibungen sowie künstlerische Therapien zum Behandlungskonzept. Doch wie kommt man darauf, solch eine Klinik zu bauen und was steckt hinter der anthroposophischen Medizin?

Der Arzt Manfred Weckenmann, der vor fünfzig Jahren den Anstoß zur Filderklinik gab, erklärt das so:

O-Ton-1 Das Kernprinzip ist, dass man sich übt in jedem Menschen, und wenn er noch so karikiert ist durchs Leben, etwas lernt zu sehen, was aus ihm sonnig herausstrahlt. Dann bin ich eigentlich an dem, was der Mensch ist. Da kann ich nur sagen, das ist dem Christlichen erstaunlich nahe. Und das ist sozusagen meine Hintergrunds-Sehnsucht soweit zu kommen, dass ich so den Menschen sehe, um zu sagen: schau mal durch den Menschen durch, dann kommst du überhaupt erst auf den Menschen. Das ist für mich so wichtig, wenn ich Patientengespräche habe und an Situationen komme, wo ich einfach nicht mehr weiter weiß.

Erzählerin: Manfred Weckenmann arbeitet in seinem Sprechzimmer in einem hinteren Winkel der Klinik, das gleichzeitig Ort für seine Forschungen ist, vornehmlich auf dem Gebiet der Rhythmologie. Er ist Internist im Ruhestand, inzwischen fast erblindet. Dennoch kommt er jeden Morgen hierher, forscht für die anthroposophische Medizin und empfängt seine letzten Privatpatienten. Manfred Weckenmann ist 91 Jahre alt. Die Filderklinik, sagt er, sei seine Heimat. Wie es dazu kam, sie zu bauen, müsse er ein wenig ausführlicher erklären. Und er beginnt eine Zeitreise kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, als er in Frankfurt sein Medizinstudium begann. Zeitgleich gründete in Stuttgart ein anthroposophischer Internist ein kleines Krankenhaus – die spätere Keimzelle der Filderklinik.

O-Ton 2: Ich wollte damals überhaupt kein Arzt werden, sondern ich wollte die Medizin aus wissenschaftlichen Gründen studieren. Und dann kam plötzlich die Begegnung erstens mit meiner Frau und mit einer Ärztin in einem Krankenhaus wo ich famuliert habe, die war homöopathische Ärztin. Da hab ich mich für Therapie interessiert, aber nur mehr, jetzt sagen wir mal, aus den theoretischen Grundlagen, warum funktioniert diese Therapie. Und die Menschenliebe, dass der Mensch mir als Mensch lieb wurde, das hab ich von meiner Frau gelernt.

Erzählerin: „Auf der Menschenliebe steht die Welt“ war einst das Motto jüdischer Krankenschwestern, die unentgeltlich Kranke pflegten und vor dem Ersten Weltkrieg von der jüdischen Religionsgemeinschaft ein Haus im Stuttgarter Westen erhielten. Im Hitlerdeutschland beschlagnahmten das die Nationalsozialisten und richteten eine Sammelunterkunft für Juden ein, bevor sie deportiert wurden. 1945 ging das Gebäude wieder an die jüdische Gemeinschaft zurück und sie vermietete es dem anthroposophischen Internisten. Der Arzt, froh im zerstörten Stuttgart für seine Patienten eine Bleibe zu finden, nannte das Haus seinem ermordeten jüdischen Freund zu Ehren Carl-Unger-Klinik. In diesem geschichtsträchtigen Gebäude fing Manfred Weckenmann Ende der 1950er Jahre als Facharzt an.

O-Ton 3 Diese Klinik war ein kleines Haus, wir hatten keinen Aufzug, wir haben die Patienten raufgetragen, wir haben sie wieder runtergetragen. Wir haben alle Räume mehrfach benutzt und so weiter. deswegen sagte ich damals noch als Oberarzt zu dem Chef: Ich fang eine Praxis an in Heumaden. Und dieses war die Situation, als er schwer erkrankte und dann auch starb, dass ich fragte, soll ich diese Klinik doch als Chefarzt übernehmen? Und da sagte ich mir, das hat keine Zukunft in diesem Haus. Wir konnten da nichts einbauen, und nichts umbauen und so weiter, wir waren einfach gefangen in einem relativ primitiven Bereich.

Und da kam dann die Idee auf und die kam von meiner Frau, die sagte, kann man nicht diese kleine Klinik nach Heumaden raufnehmen, dort wo unsere Praxis ist. Das sagte ich ja nun, wenn du einen Geldgeber findest -, denn ich war damals ein relativ finanzloser Mann -, der dort oben eine Klinik baut, denn sie müsste gebaut werden, dann geht das. Und da wandte sich meine Frau an unseren Steuerberater und der sagte, ich hab jemand, der eventuell so was machen würde. Mein Vater ist befreundet mit Hermann Mahle, der im Moment eine Mahlestiftung baut. Und der ging zu Mahle und der sagte, ja, er hätte Interesse. Und so kam er dann zu meiner Frau eines Tages ganz privat in die Wohnung, schaute sich dieses Familienleben an und sagte zu meiner Frau: Frau Weckenmann, kaufen Sie mal Grundstücke auf. Daraufhin ist meine Frau mit ihrem kleinen fünfhunderter Fiat umhergefahren und hat Grundstücke gekauft und der Mahle hat bezahlt.

Erzählerin: Der ungewöhnliche Beginn eines Millionenprojekts. Doch es wurde daraus weder eine Mahle-Klinik noch ein Weckenmann-Krankenhaus. Ehepaar Weckenmann initiierte es zwar, die Mahle-Stiftung finanzierte den Bau wesentlich und unterstützt ihn bis heute. Doch das übergeordnete Ziel, mit der anthroposophischen Medizin dem Patienten zu dienen, prägte die Planung von Beginn an und machte es zum Gemeinschaftswerk. So gründeten mehrere Ärzte und ein Jurist mit Weckenmann 1964 einen gemeinnützigen Verein und gaben ihm den Namen Filderklinik.

O-Ton 4 Das hieß jetzt für mich erst einmal ich werde Chefarzt der Carl-Unger-Klinik. Im Moment ist das Provisorium, dass ich morgens runter in die Klinik fahre, dort bis 17 Uhr bin und dann wieder rauf fahre und meine Praxis mache. Und daneben die Entwicklung, wie könnte denn so eine Klinik aussehen, die da oben steht. Wir hatten da so einen Arbeitskreis, da war Herr von der Heide, Herr Schürholz usw. und die würden sagen, ja wir würden mitmachen, aber, und das war nun Schürholzens Gedanke, dass er sagte eine internistische Klinik ist heutzutage oder in der damaligen Zeit alleine nicht lebensfähig auch wenn sie 100 Betten hat. Sie braucht eine Chirurgie, sie braucht eine Frauenheilkunde.

Erzählerin: Die Mahle-Stiftung war einverstanden. Doch die Stadt Stuttgart erteilte jahrelang keine Baugenehmigung. So nahm der Filderklinikverein schließlich das Angebot des Bürgermeisters vom Filderort Bonlanden an. Am Rand einer Wacholderheide war der Platz optimal für Asthmakranke wie für Neugeborene. Die klimatischen Verhältnisse waren den Klinikgründern genauso wichtig wie die ungewöhnliche Gestaltung und Konzeption ihres Hauses: Ein Gemeinschaftskrankenhaus mit einem interdisziplinären Leitungsteam. Den Funktionsablauf orientierten sie am Patienten und nicht umgekehrt. Der Kranke sollte sich schon durch die halbkreisförmige Architektur umhüllt fühlen, wie später bei wärmenden Wickeln und Einreibungen. Die Gründer planten ferner einen gemeinsamen Speisesaal für Patienten und Mitarbeiter mit biologischer Kost aus der eigenen Krankenhausküche. Künstler entwarfen einen Festsaal für Kulturveranstaltungen und Gottesdienste sowie Aufbahrungsräume für Verstorbene. Der Architekt zählte allein 170 Bausitzungen, bei denen die Gründer jegliches Detail vom modernsten OP-Inventar bis zu den Holzschränken in den Zimmern überlegten. Manfred Weckenmann arbeitete in seiner knappen Freizeit sogar ein dickes Handbuch über Krankenhausbau von dem Architekten Gustav Hassenpflug durch und erstellte aus Holz und Karton ein maßstabsgerechtes Modellkrankenzimmer.

O-Ton 5 Und jetzt habe ich mir Gedanken gemacht, was muss ein Krankenzimmer beinhalten, damit ein Patient sich darin aufgehoben, wohlfühlt. Denn zu dieser Zeit gab es Krankenhäuser mit Krankenzimmer, von denen die eine Wand purer trockener Beton war. Da sagte ich, da kann man sich nicht wohlfühlen. Und jetzt fragte ich: was ist wohnlich für ein Krankenzimmer. Und da kam ich auf einige Ideen, nämlich erstens Mal: es darf vom Gang nicht viel Lärm in das Zimmer kommen. Es muss von außen eine Pufferzone sein, dass weder Kälte noch starke Hitze in das Zimmer kommen. Das hieß mit anderen Worten: Ein Balkon über dem Zimmer ist notwendig und ein Gang ins Zimmer ist notwendig. So. Das zweite war: Die meisten Zimmer der damaligen Krankenhäuser bestanden darin: Das war also ein rechteckiges Zimmer, und darin standen drei Betten. Und diese drei Betten, ich nannte das so ein bisschen die Kuhstallstellung, da stehen auch in einem rechteckigen Raum drei Kühe, mit dem Gesicht zur Wand zwar, daraufhin sagte ich, das darf nicht sein. Und da bin ich darauf gekommen, dass das was der Patient sieht, nicht eckig sein soll, sondern gewisse Biegungen haben soll, die menschlich seelisch vertraut sind.

Erzählerin: Der Ansatz in der Filderklinik geht auf den Philosophen und Geisteswissenschaftler Rudolf Steiner zurück. Der Begründer der Anthroposophie und der Waldorfpädagogik beschreibt 1924 mit der holländischen Ärztin Ita Wegman in seinem Buch „Grundlegendes zur Erweiterung der Heilkunst“ den Wesenskern dieser Heilmethode. Bereits auf der ersten Seite stellen die Verfasser klar, dass sie die akademische Medizin anerkennen und sie um geisteswissenschaftliche Erkenntnisse erweitern wollen. Dahinter steckt eine komplexe Vorstellung von Gesundheits-und Krankheitsprozessen mit einem ebenso komplexen Diagnose-und Therapieverfahren, das jeder Arzt, der heute anthroposophische Medizin praktizieren will, in einer zertifizierten Zusatzausbildung erlernen muss. Manfred Weckenmann erklärt die Basis dieses Heilungsansatzes:

O-Ton 6 Der Mensch ist ein Zusammenspiel gegensätzlicher Kräfte. Und diese Kräfte sind so organisiert, dass sie miteinander wirken, obwohl sie gegensätzlich sind. Es ist etwas Paradoxes, aber es ist richtig, denn das ist das, was man unter Polarität versteht.

In der Gesundheit heben sich diese Kräfte restlos auf. Restlos das Wort wähle ich extra auf, denn das Wort Rest kommt noch einmal bei der Krankheit. Und zwar nehme ich das in einem Bild, wie etwa ein Schwingen von Plus und Minus um etwa eine Nullachse. Nicht ganz eine Nullachse, denn der Mensch wird auch älter. Deswegen ist die Null ein bisschen verschoben. Das ist schwierig, aber es ist wahr. Im Krankheitsfalle, und zwar nicht nur in der schmerzhaften, sondern genauso auch in der nichtschmerzhaften Krankheit, deswegen kommen beide Krankheiten hier vor, bleiben Reste. Das ist ein Wort von Rudolf Steiner. Wenn das so ein Ungleichgewicht ist, dann kann man das bildhaft Dekompensation oder De-Koordination nennen. Und jetzt kommt die Frage: was ist jetzt Therapie. Und Therapie ist erst einmal, diese Dekompensation muss wieder rekompensiert werden. Dies kann bei vielen Krankheiten spontan geschehen, zum Beispiel bei einer Grippe, die von selber vorbeigeht. Es kann sein, dass man diese Rekompensation anregen muss. Und das ist dann das, was man dann mittels einer Erweiterung der Therapie machen kann. Für diese Rekompensation hat Rudolf Steiner Hinweise gegeben, wie Natursubstanzen im Organismus wirken könnten, um eine Rekompensation anzuregen, so dass der Organismus angeregt wird zur Selbstheilung. Und dann sage ich, mir hat diese Therapie bei vielen Patienten gut geholfen. Und auch mir und meiner Familie, wenn man es nämlich selber macht, weiß man immer als Prüfstein, traust du dieser Medizin.

Es gibt Situationen, wo der Organismus nicht in der Lage ist, diese Rekompensation im akuten, momentanen Fall zu leisten. Und das ist dann die Notfallmedizin. Da ist akademische Medizin nötig. Und dann kann es sein, dass es nicht gelingt, diese Rekompensation zu machen, und der Patient unerträgliche Beschwerden hat und da muss er gelindert werden. Und da ist auch die Schulmedizin gefragt. Und damit ist das alles ganz nah beieinander.

Erzählerin: Die Therapie, sagt Weckenmann, werde umso verantwortlicher, je tiefsinniger man den Menschen sehe. Wenn man ihn als Geschöpf betrachte, müsse man auf diese Ebene kommen. Zum besseren Verständnis nimmt er das Höhlengleichnis des griechischen Philosophen Platon: Gefangene in einer Höhle sehen das Leben draußen nur als Schatten an der Höhlenwand. Sie dürfen sich nicht umdrehen, sie sehen kein Licht, sie halten die Schatten für die Wirklichkeit.

O-Ton 7 Und jetzt sagt Platon Folgendes: Wenn ich jetzt den Menschen zwingen würde und ihn rumdrehen, dass er jetzt gegen die Sonne, die da reinscheint, blickt, dann wird er erst mal so geblendet sein, dass er gar nicht sieht, dass da eigentlich die wirkliche Welt läuft. Also das Pferd, dessen Schatten da ist, ist das Pferd da. Aber die Sonne blendet ihn so stark und wirft Schatten, dass er sagt nee, also das ist nicht meine Welt und dreht sich wieder rum und sagt, ich will in der Welt bleiben. Und jetzt sagt er, das aber ist die wirkliche Welt. Das ist das echte Leben. Das ist das Pferd wie es Pferd ist. Jetzt könnte man natürlich sagen, so wie das Pferd Pferd ist, das seh ich doch, wenn ich rausgehe ins Freie. Das sind Pferde. Da hätte Platon gesagt, das ist kein Pferd, was du kennst. Erst wenn du kennen würdest, was am Pferd poseidonisch ist, was das Pferd am Zug des Helios ist, dann weißt du was Pferd ist. Das heißt mit anderen Worten. Wenn ich mich rumdrehe und jetzt mal die Zähne zusammenbeiße und sage, ich will mich jetzt mal langsam üben, dieses Pferd, das da vor der Sonne steht, sehen zu lernen, dann können sich meine Augen so ein bisschen dran gewöhnen, dass in diesem Pferd etwas ist, was von der Sonne stammt. Etwas Strahlendes, das ein Sonnenpferd ist, eben ein Heliospferd. Und wenn ich das habe, was da eigentlich Pferd ist - das ist ein Göttliches, sagt Platon. Und wenn man dann noch tiefer geht, dann merkt man, dass es gut ist. Und dieses Gutsein, was noch jenseits der Sonne ist, das ist die eigentliche Wahrheit, die hinter dem Pferd steckt. Und das gilt genauso für den Menschen.

Erzählerin: Dass auch Krankheit mit dieser tieferen Erkenntnis zu tun haben kann, die auch zur Philosophie der anthroposophischen Medizin gehört, beschreibt Manfred Weckenmann in einem sehr persönlichen Beispiel.

O-Ton 8 Meine Frau hatte Parkinson und ich kann – es klingt jetzt erst einmal sehr egoistisch – sagen, durch das Leiden meiner Frau habe ich etwas gelernt, was ich sonst in meinem Leben nie gelernt hätte. Nun kann ich sagen, das ist aber eine schlimme Art zu lernen. Das ist so. Sie konnte etwas nicht sagen, obwohl sie es in sich gefühlt hat. Parkinson. Das ist bei anderen Krankheiten anders. Dass sie etwas anderes erlebt hatte, als sie sagen konnte, kommt aus zwei Ereignissen ganz klar hervor. In relativ später Phase war sie durch die Krankheit manchmal blockiert. Sie saß im Badezimmer, nein, sie wollte nicht angezogen werden. Da sagte Mila, das war eine Pflegerin zu ihr: Ach wissen Sie was, Frau Weckenmann, jetzt ziehen wir die Kleider wieder an und dann gehen wir in die Disco. Das sagte sie im Spaß. Da antwortete meine Frau, die wochenlang nichts sprechen konnte: Du bist verrückt. Das war so tiefsinnig rührend und das geht in ihr um und sie kann’s nicht sagen. Das ist ja wie ein Schweigekloster. Und das andere war, sie stand oben an der Treppe und ich führte sie runter, ich hab sie immer geführt, dass sie möglichst geht. Da stand sie da und ging nicht. Und da sagte sie plötzlich zu mir: Alle Eier sind kaputt. Wochenlang kein Wort geredet, und dann so ein treffendes Bild. Das ist ja fast wie gegen die Sonne gesehen. Also da merke ich, dass wir beide durch ihre Krankheit und durch mein Pflegen und ich sag das nicht überheblich, etwas durchgemacht haben, wo wir beide sagen können: großartig. So schlimm wie es war. Diese Krankheit hat so geblendet wie diese Sonne, dass man sich am liebsten wieder hätte rumdrehen können und sagen hör mal, wenn’s bloß nicht so blenden würde. Nein. Sie hat geblendet. Und wenn ich so sagen will, sie konnte gar nicht anders, als es aushalten und ich wollte es nicht anders als aushalten. Und so sind wir durch die Krankheit durchgegangen.

Natürlich hätte ich gewünscht, sie heilen zu können. Aber so zu heilen, dass ich ihren Organismus angeregt hätte, selbst gegen die Krankheit vorzugehen.

Erzählerin: 1975, als Manfred Weckenmann in der damals gerade eröffneten Filderklinik einer der leitenden Ärzte der Inneren Abteilung war, bezeichnete er sich als Innenminister. Heute ist der erfahrene Arzt neben seinen Forschungsaufträgen Ratgeber für junge Kollegen. Er möchte ihnen Mut machen, in schwierigen Zeiten durchzuhalten. Wenn es etwa um Sparmaßnahmen und verkürzte Liegezeiten geht, sagt er „hat das den Sinn, unsere Therapie zu verbessern.“ „Die Zukunft“, fügt er hinzu, „kann nicht in den Überfluss hineingehen.“ Auch wenn er von damals spricht, als er und seine Frau mutig beschlossen, eine Klinik zu gründen, bleibt der weitsichtige Arzt bescheiden.

O-Ton 9 Das war die Idee. Aber so heilig war die Idee gar nicht. Das war mehr Aufgabe. Ich bin in der Hinsicht viel fleißiger und sag mit Fleiß ging es. Also ich würd sagen: Die Idee war einfach Aufgabe. Mach!